Agata Kus, Vorsicht Bissige Hündin

16.11.2013 - 08.01.2014

Frauendarstellungen sind in der Kunst schon seit prähistorischen Zeiten existent. Der Urmensch erzeugte kleine Skulpturen von Göttinnen mit vergrößerten Fruchtbarkeitsattributen und glaubte an deren magischen Kräfte. Die antiken Griechen wiederum idealisierten die weiblichen Gestalten und schufen so ein unerreichbares Schönheitsideal, welches bis in das XX. Jahrhundert immer wieder aufs Neue entdeckt und wiederholt wurde.

Als der wirklich wichtige Moment für die Wahrnehmung der Frauen und ihrer Sexualität erwies sich jedoch die relativ kurze Zeitspanne des Mittelalters. Die damals wirkenden Denker und Philosophen wie u.a. der heilige Augustin oder der heilige Thomas von Aquin verkündeten Gerüchte über die „Minderwertigkeit des weiblichen Geschlechtes und ihre biologische Behinderung“. Daher wurde zu dieser Zeit der weibliche Körper durch steife Falten der Kleidung dicht verhüllt um seine „sündhafte und trügerische Natur zu verstecken“.

In den plastischen Künsten hat die Renaissance aufs Neue die Schönheit des weiblichen Körpers und das Vergnügen jenes anzuschauen entdeckt. Aber das Verhältnis zum schönen Geschlecht und das Vorurteil, dass es schlechter als das männliche sei, galt bis in das XX. Jahrhundert hinein.
In den 70-er Jahren des vorigen Jahrhunderts kam die feministische Kunst auf die Bildfläche und die Frauen-Künstlerinnen konnten das erste Mal ungeniert über sich selbst sprechen. Sie begannen ihre Sexualität und verdrängten Emotionen zu entdecken.

Fortsetzerin dieser Ideen ist die sehr junge, polnische Künstlerin Agata Kus, deren Ausstellung unter dem Titel „Vorsicht bissige Hündin“ in der Galerie Sandhofer präsentiert wird. Wir haben es hier jedoch nicht mit einer passiven Wiederholung der 70-er Jahre Thematik zu tun. Kus entwickelte eine individuelle und komplexe künstlerische Sprache und operiert mittels Symbolen und Metaphern, mit deren Hilfe sie die Verletzungen der zeitgenössischen Mädchen und Frauen analysiert.

Der Konflikt mit der Mutter, der Freud´sche Komplex des Mangels des Penis, die Leugnung der eigenen Sexualität, Freizügigkeit, Abneigung gegenüber dem Kinderwunsch sind nur ein Teil der schwierigen Emotionen, welchen Kus ihre Aufmerksamkeit schenkt. Sie beschreibt sie im Text zu ihrer Diplomarbeit 2012 unter dem Titel „ Frau Hündin - Transgression der Weiblichkeit“ in der Form einer Beichte der geheimnisvollen Kitty. Sie ist eine Sammlung von vielen einzelnen Problemen und Geschichten. Die in Kitty innewohnenden Emotionen manifestieren mit großer Kraft die Diskrepanz zwischen dem idealen Abbild der modernen Frauen und ihrer sorgfältig verborgenen inneren Welt. Jene Welt, über die sie nur bei einer Psychotherapie zu sprechen wagen.

Fasziniert von den Konzepten der Psychodynamik solcher Psychologen wie u.a. Melanie Klein, Hanna Segal und Karen Horney schöpft die Künstlerin ihre Inspiration auch aus Märchen. Ihre symbolische Sprache scheint am besten geeignet um die Komplexität der Gefühle, die mit der Reifung und danach mit der schwierigen Verwandlung vom unschuldigen Kind zur befreiten und selbstbestimmenden Frau wieder zu geben. Deshalb erscheinen auf vielen Leinwänden von Kus neben kleinen Mädchen Rehe, Hunde, Füchse und Wölfinnen.

Auf einem Bild aus dem Zyklus „Rozwiazanie II - Entbindung II (2010)“ hocken kleine Mädchen bei einem Reh. Das Tier liegt auf dem Rücken mit untergeschlagenen Beinen. Auf dem Bauch hat es eine offene Wunde voll von Juwelen. Die Mädchen schauen voller Neugierde auf die farbigen Kostbarkeiten. Eine von ihnen, deutlich fasziniert vom Anblick der Edelsteine greift nach einem. Dieses Werk symbolisiert das Offerieren des Geschenkes des Lebens, also das was biologisch die Quintessenz der Weiblichkeit ist. Das Reh opfert sich für die Mädchen, damit sie in der Zukunft mit dem sorglosen Leben abbrechen können und ihr Leben wiederum ihrem Nachwuchs schenken.

Ein ähnlich positives Symbol ist der Hund. Auch er vergeht, schenkt dabei aber die Kleinode der Treue, der Zuneigung und der Liebe an seine Nachkommen, so wie die große schwarze englische Doggen-Hündin. Andererseits bezieht sich der im Wasser tauchende Hund „Aus den Blauen Zyklus“ (2009) auf die Suche nach der eigenen Identität, auf das „Ich“ tief versteckt im Unterbewusstsein.

Nun kommen wir zu der ambivalenten Darstellung der Wölfin. Die Künstlerin kehrt wiederholt zu der Präsentation der berühmten etruskischer Skulptur aus dem V. Jahrhundert bei der die Kapitolinischen Wölfin menschliche Säuglinge stillt – Romulus und Remus. Sie ist einerseits der Inbegriff der Sanftheit und der mütterlichen Gefühle, andererseits ist sie unheimlich, dämonisch und wild. Sie scheint eine Parabel der Dysfunktion in der Relation zwischen Mutter und ihrem Kind zu sein. Die Wölfin auf den Bildern von Agata Kus erscheint als diejenige, die das Leben schenkt, aber es in jedem Augenblick auch nehmen kann.

Gleichwohl beunruhigendes und oft wiederkehrendes Motiv ist die Füchsin, die ein kleines Mädchen lockt. Sie gibt ihr einen Rubin um ihr das Geschenk der Reifung schmackhaft zu machen. Die sinnliche und trügerische Füchsin wird das Kind zum Erwachsensein führen, im Gegenzug gibt sie ihr einen roten Fleck – zuerst auf die Unterwäsche danach auf das Leintuch.
Wenn das Mädchen erwachsen wird, trägt sie als Akt der Rache ein Fuchsfell. Wie in den Bildern aus dem Zyklus „Ukryte“ „Versteckte“ (2008/2009), flüchtet sie unter seine sinnliche und weiche Materie und wird zur „Bitch“ - „der Hündin“

Die Künstlerin provoziert mit Umgangssprachlichem um die gemalten Szenen zu ergänzen. Die Frauen aus ihren Bildern sind „Hündinnen“. Es gibt für sie keine Barmherzigkeit. „Sie sind als Mütter nicht geeignet“ also verdienen sie die Verachtung. Sie sind emanzipiert also nicht anständig, „Hündinnen“, „Schlampen“!
Die Künstlerin zitiert Slogans, die wir jeden Tag auf der Straße, im Autobus, im Kaffee hören. Dieses verächtliche, frauenfeindliche Vokabular erinnert an die Zimtläden von Bruno Schulz, für welchen die Frauen nur verführerisches „Fleisch“ waren.

Die Werke von Agata Kus sind äußerst reif und zutiefst bewegend. Sie machen einem bewusst wie etablierte kulturelle und soziale Codes der Grund für die innere Zerrissenheit von Mädchen und Frauen sind. Denn trotz der Emanzipation und Gleichberechtigung von Frauen, balancieren sie weiterhin auf einem schmalen Grat zwischen dem was sich für sie gehört, und dem was aus ihnen „Hündinnen“ macht. Die patriarchalische Gesellschaft stellt an sie sich gegenseitig ausschließende Anforderungen, dessen Konsequenz ist, dass die Frauen ihre Weiblichkeit nur lange und mühsam entdecken.

Paulina Sadowska

  • Kus001

    "Wound" 2012 (SOLD)

  • Kus004

    "Into The Deep" 2009 Triptych

  • 08 Agata Kus Nurkujac z cyklu Niebieskiego 180x160cm RGB

    "Diving" 2009

  • Kus003

    Untitled 2010

  • Kus002

    "Kurtain" 2012

  • Kus008

    "Delivery III" 2010

  • Kus009

    "Delivery II" 2010

Photo Documentation of the Exhibition

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